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Naturwunder Salzwiese

Ein Spaziergang zwischen Land und Meer

Salzwiesen im Wattenmeer

Wer denkt, hinter dem Deich beginnt sofort die Nordsee – der irrt sich meistens. Oft liegen zwischen Watt und Land die Salzwiesen. Sie sind Orte des Übergangs; nicht mehr Land, noch nicht Meer. Untrennbar mit dem Wattenmeer verbunden, ebenso wertvoll und schützenswert. Oft überflutet und voller Leben. Die Salzwiese ist ein Naturwunder. In den Wintermonaten wirkt sie ruhig und eintönig. Im Frühjahr erwacht sie zum Leben: Von Mai bis Oktober wandelt sie sich ununterbrochen. Im Frühling beginnen die zartrosa Strandgrasnelken zu blühen. Im Hochsommer verwandelt der Strandflieder die Salzwiesen in ein lila Blütenmeer, und im Herbst taucht der Queller sie in ein dunkles sattes Rotbraun.

 

© Nationalpark-Haus Dornumersiel

Wie entstehen Salzwiesen

Salzwiesen können ganz unterschiedlich aussehen – blühend, mal hoch aufgewachsen und mal kurz beweidet. Die für unsere Küste wichtigsten Salzwiesentypen sind Vorlandsalzwiesen, d.h. Salzwiesen vor Deichen, häufig innerhalb von
Lahnungsfeldern, aber auch natürlich entstanden. 

Salzwiesen entstehen an flachen, strömungsarmen Küsten mit Ebbe und Flut. Sie werden regelmäßig mit dem Salzwasser der Nordsee übrflutet. Das Wasser führt Sedimente mit sich, die sich an Stellen mit wenig Strömung absetzen können. Der Wattboden kann in die Höhe wachsen und damit ersten Pflanzen wie dem Queller die Ansiedlung ermöglichen, 

© Nationalpark-Haus Dornumersiel

Salz ist Gift

Das Wachsen in salzhaltiger Umgebung ist für Pflanzen eine große Herausforderung. Sie brauchen Wassser und Nährstoffe. Um lebensnotwendiges Wasser aufnehmen zu können, muss die Salzkonzentration in der Pflanze größer sein als in ihrer Umgebung. Ist die Konzentration außen höher, verliert die Pflanze Wasser und wird schlaff. Die Pflanzen der Salzwiese müssen also Wasser aufnehmen und gleichzeitig die Salzkonzentration niedrig halten, weil zu viel Salz auf die Zellen giftig wirkt. Die einzelnen Pflanzen haben ganz unterschiedliche Mechanismen dafür entwickelt. Alle diese Mechanismen kosten die Pflanzen viel Energie, daher wachsen Salzwiesenpflanzen nur langsam und ihre Vegetationsperiode ist kurz.

Salzwiesen in Dornumersiel und Neßmersiel

In Neßmersiel gibt es in der Nähe des Hafens einen kleinen Salzwiesenlehrpfad (Hin und Rückweg insgesamt ca. 1,3 km). Schautafeln runden den kleinen Weg ab und bieten Einblicke in die Flora und Fauna der Salzwiese.

In Dornumersiel könnt ihr am Hellerpad einen gemütlichen Spaziergang entlang der Salzwiesen machen. Direkt am Anfang des Hellerpads gibt es ein Stück Salzwiese, dass ihr begehen könnt, denn es befindet sich in der Erholungszone des Nationalparks. Normalerweise sind die Salzwiesen streng geschützt und dürfen entweder gar nicht oder nur sehr begrenzt (z. B. außerhalb der Brutzeiten) besucht werden.

Das Nationalpark-Haus in Dornumersiel bietet am Hellerpad einen 90-minütigen Erlebnis-Spaziergang in die Salzwiesen an. Auf unterhaltsame Weise werden am Beispiel einiger ausgewählter Pflanzen und Tiere die Lebens- und Funktionsweise dieses besonderen Lebensraums erklärt und was das Salz und die Überschwemmungen für diese bedeuten.

 

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Welche Pflanzen wachsen auf der Salzwiese

Die 3 Zonen der Salzwiese

Quellerzone

Sie ist der Übergangsbereich vom offenen Watt zum Land und beginnt ca. 40 cm unterhalb der mittleren HW-Linie; kurz darüber endet sie. Wird 2-mal täglich überflutet. Salzgehalt des Bodens: ca. 2,6 %. Arten: Queller und Schlickgras.

Andelzone

Grenzt an die Quellerzone, wird auch "untere Salzwiese" genannt. Hier ist der Beginn einer geschlossenen Vegetationsdecke. Sie reicht von der mHW-Linie bis ca. 40 cm darüber. Zwischen 150 - 250 Überflutungen jährlich. Salzgehalt des Bodens: ca. 2 %.  Arten: Andel, Löffelkraut, Strandaster, Strandmelde...

 

 

 

 

Rotschwingel-Zone

Auch "obere Salzwiese" genannt, ist sie der höchst gelegene Bereich. Sie beginnt ca. 35 cm oberhalb der mHW-Linie und reicht bis ca. 1 m darüber. 20 - 70 Überflutungen im Jahr. Salzgehalt des Bodens ca. 1 - 1,5 %. Arten: Rotschwingel, Strandgrasnelke, Strandbeifuß, Portulak-Keilmelde, Meerstrandwegerich, Strandflieder...

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Der Hellerpad

Viele Namen - ein Ort

Salzwiesen heißen nicht immer Salzwiesen, sondern haben je nach Region ganz verschiedene Namen. Bei uns in Ostfriesland spricht man meist von Heller oder Groden wenn man die Salzwiese meint. Deshlab auch Hellerpad. Namensgebend für den Hellerpad sind zwar die „Heller“, die Weiden zwischen dem Sommerdeich und dem Seedeich bei Dornumersiel. Die beeindruckendsten Naturerlebnisse auf der Rundtour sind allerdings den Salzwiesen vor dem Sommerdeich zu verdanken. Mehr als 50 Vogelarten finden hier Ruhe, Nahrung und Brutplätze. Besonders 1 Stunde vor Flut kann man vom niedrigen Sommerdeich auf dem Hellerpad aus gut verschiedene Zugvogelarten beobachten, darunter je nach Jahreszeit die kleinen, kompakten Ringelgänse und Nonnengänse, Austernfischer, Brachvögel und Rotschenkel. Auch die Pflanzenwelt der Salzwiese ist vom Frühjahr bis in den Herbst eine Augenweide. Auffällig helllila blühen im Sommer Strandflieder und Strandaster in Bereichen, die häufiger überspült werden; sie sind auch von Laien gut zu erkennen. Im Frühherbst lassen die Blütenstände des Rotschwingel die oberen Salzwiesen rötlich schimmern.

„Nordsee! Nirgendwo auf der Welt riecht es so wie hier, nicht mal an der Ostsee. Nach Algen und Fisch und warmen Salzwiesen, wo sich Lämmer ihr leckeres Fleisch anfressen.”
Wolfgang Röhl
© Nationalpark-Haus Dornumersiel

Tierische Bewohner

Salzwiesen sind ein Lebensraum für hochspezialisierte Pflanzen. Aber wie sieht es mit der Tierwelt aus? Wer lebt hier? Die Antwort lautet: Hier tobt das tierische Leben! In den Salzwiesen vor den Deichen sind gelegentlich Hasen oder Rehe zu beobachten; auch Füchse kommen immer wieder vor, sehr zum Leidwesen der bodenbrütenden Vögel. Für etwa 50 Vogelarten sind die Salzwiesen ein wichtiger Lebensraum, entweder als Rastplatz, wenn das nahrungsreiche Watt gerade von Wasser bedeckt ist, oder als Futterplatz für Gänse. Etwa 30 Vogelarten brüten in den Salzwiesen.

1.650 Arten von Krabbeltieren sollen in der Salzwiese vorkommen. Ehrlich gesagt haben wir sie noch nicht ganz genau gezählt. Aber es sind definitiv viele. Und etwa 250 Arten davon können nur hier leben, sind also endemisch. In den Salzwiesen leben Käfer, Spinnen, Milben, Wespen, Fliegen, Ameisen, Läuse, Springschwänze, Mücken, Schmetterlinge und noch viel ähnliches Kleingetier. Aber ob mit Flügeln oder ohne, ob mit 6 oder 8 Beinen – sie alle brauchen genau wie die Pflanzen besondere Strategien, um regelmäßige Überflutungen ihres Zuhauses zu überstehen – und nicht weggespült zu werden. Daher heißt es bohren, graben, klammern oder festbeißen. Und da das alles mit kleinem Körper besser klappt, sind die meisten Krabbeltiere klein, wenn nicht sogar Winzlinge.

© Lars Wehrmann

Würzig - Salzwiesen als Weideland

Die oberen Salzwiesen werden auch gerne beweidet.Hier findet man eine einzigartige Auswahl an Gräsern und Kräutern, welche obendrein durch ihren hohen Salzgehalt besonders schmackhaft für Kühe und Schafe sind. Der Landwirt Jens Behrends lässt seine Mutterkuhherde in den Sommermonaten auf den Salzwiesen am Hellerpad weiden.